AllgemeinAnalysen

Kader Analyse 26/27 “Die Goalies”

Wie jedes Jahr blicken wir in unseren Kader-Analysen auf die drei Bestandteile des aktuellen Eisbären Kaders: Die Goalies, Die Defensive und die Offensive. In dem Format blicken wir tiefer auf die Strukturen, die Einzelspieler und mögliche Reihenkombinationen.

Den Start machen wir dieses Jahr zwischen den Pfosten.

Kompletter Umbruch im Tor

Wagen wir noch einmal den Zeitsprung zurück vor die Saison: In unserer damaligen Goalie-Analyse war die Prognose gewagt, aber klar – Stettmer traute man den Sprung zur Nummer eins zu, während Hildebrand zu alter Konstanz zurückfinden musste und Neiße primär beim Kooperationspartner Spielpraxis sammeln sollte.

Der Blick zurück zeigt: Die Vorhersage hat voll ins Schwarze getroffen. Stettmer erarbeitete sich mit konstant soliden Leistungen in der Hauptrunde den Starter-Posten und mutierte in den Playoffs über lange Phasen zum absoluten „Biest“. Er war auch derjenige der das Team als verlässlicher Rückhalt weiter zum Titel führte. Hildebrand hatte gute Spiele, aber auch wieder schwächere Phasen. Er erwies sich nicht unbedingt als der Goalie, der die schwächere Abwehrleistung „auffangen“ konnte. Neiße sammelte wie erwartet wertvolle Spielpraxis in der DEL2 bei den Lausitzer Füchsen.

Während Hildebrands Abschied nach der Saison wenig überraschend kam, wog der Verlust von Stettmer deutlich schwerer. Warum lässt man einen Torhüter gehen, der die Mannschaft gerade erst durch die Playoffs getragen und zur Meisterschaft geführt hat?

Die Antwort liegt vor allem im Timing des Transfergeschäfts. Die entscheidenden Vertragsgespräche werden nicht erst nach dem letzten Playoff-Spiel geführt, sondern oftmals Monate vorher. Stettmer hatte zu diesem Zeitpunkt offenbar keine Garantie, in Berlin als unangefochtene Nummer eins in die Saison 2026/27 zu gehen. Die Perspektive in Ingolstadt dürfte für ihn deshalb attraktiver gewesen sein. Hinzu kamen verschiedene Gerüchte aus dem Umfeld, die wir allerdings nicht gesichert bestätigen können und deshalb bewusst außen vor lassen.

Jonas Stettmer wird 26/27 das Tor des ERC Ingolstadts hüten – Foto von City-Press GmbH Bildagentur

Nach den Abgängen steht damit fest: Die Eisbären mussten ihr Goalie-Gespann komplett neu aufstellen.

Das neue Goalie-Duo

Die Eisbären verkündeten als ersten Transfer für die neue Saison Jonas Neffin. Der 26-jährige Iserlohner spielte eine sehr starke Saison bei den Eisbären aus Regensburg und schnappte sich die Auszeichnungen zum Spieler des Jahres und Torhüter des Jahres in der DEL2. Wer noch mehr Geschichten zu ihm lesen möchte, schaut gerne in meinen Transfer-Check zu ihm rein. Die Eisbären sichern sich also mit ihm einen sehr spannenden Torhüter im besten Eishockey-Alter, der jetzt seine Qualitäten auch in der DEL unter Beweis stellen möchte.

Mit der Verpflichtung eines „Konti-Goalies“ ließen sich die Eisbären etwas mehr Zeit. Lange schwebten die Gerüchte um Adam Reideborn (der noch kein neues Team gefunden hat) und Olivier Rodrigue (der mittlerweile einen Two-Year-Vertrag in der Organisation der Tampa Bay Lightning unterschrieben hat) am Berliner „Sommerpausen-Himmel“.

Es wurde letzten Endes keiner von den beiden, sondern ein Name, den niemand auf dem Schirm hatte: Jack LaFontaine. Das Trio LaFontaine, Neffin, Neiße steht also für die Saison 26/27.

Mit Jack LaFontaine und Jonas Neffin haben die Eisbären ihr neues Torwartduo zusammengestellt. – Foto LaFontaine: Kansas City Mavericks / Foto Neffin: Moritz Eden / City-Press GmbH Bildagentur

Jack LaFontaine

Ich persönlich liebe ja Transferphasen. Neue Namen aus neuen Ligen, die man höchstens mal bei Videospielen der NHL-Reihe gesehen hat, wechseln zu deinem Herzensclub und sollen ihren Teil am nächsten Erfolg beitragen.

Von Jack LaFontaine hatte ich zum Beispiel beim Transfer-Announcement noch gar nichts gehört. Aber deswegen war es auch so spannend, ihn zu recherchieren. Als ich den Transfer-Check zu ihm geschrieben habe, hatte ich dauerhaft eine Podcast-Episode vom InGoal Magazine auf dem Ohr und viele interessante Fakten zu seiner Persönlichkeit und seinem Spielstil erfahren. All das lest ihr im Transfer-Check zu LaFontaine.

So, aber jetzt weg von der Eigenwerbung, hin zur Analyse.

LaFontaine wirkt von der Vita her wie ein solider Torhüter. Für seine 28 Jahre hat er bereits einiges an Erfahrung in den nordamerikanischen Profiligen sammeln können. Den ganz großen Durchbruch in der NHL hat er trotz seiner Draft-Selection im Jahr 2016 allerdings nie so wirklich geschafft. Zwei NHL-Spiele stehen am Ende in seiner Vita – deutlich weniger, als man sich nach einer Auswahl in der dritten Runde vermutlich einmal erhofft hatte.

Für mich ist deshalb vor allem interessant, was für einen Torhüter die Eisbären mit ihm eigentlich bekommen. Und genau da wird es spannend, denn LaFontaine scheint nicht unbedingt der Goalie zu sein, der durch spektakuläre Saves und irgendwelche akrobatischen Glanzparaden auffallen muss. Seine Stärke liegt vielmehr darin, möglichst früh dort zu sein, wo der Puck am Ende auch ankommt.

Das klingt zunächst ziemlich unspektakulär, ist für einen Torhüter aber eine verdammt wichtige Qualität. Gute Positionierung nimmt dem Gegner Möglichkeiten, bevor die Situation überhaupt gefährlich wird. LaFontaine versucht also nicht erst im letzten Moment einen Fehler mit einer spektakulären Parade auszubügeln, sondern möglichst viele dieser Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die Eisbären werden seine erste Station in Europa und damit stellt sich natürlich vor allem eine Frage: Kann LaFontaine sich an das europäische Niveau gewöhnen? In Nordamerika müssen die Goalies mit anderen Winkeln und Distanzen arbeiten als auf der größeren europäischen Eisfläche. Gerade für einen Torhüter, der viel über Stellungsspiel und Antizipation kommt, ist das keine ganz unwichtige Umstellung.

Und genau deshalb finde ich seine Verpflichtung so interessant.

Auf dem größeren Eis hat LaFontaine mehr Raum zu verteidigen und muss sich auf Situationen einstellen, die sich teilweise anders entwickeln als in Nordamerika. Vor allem Querpässe und die damit verbundenen Winkel können für ihn eine neue Herausforderung darstellen. Dazu kommt, dass sich auch das Spiel vor dem Tor verändert. Mehr Platz bedeutet nicht automatisch weniger Arbeit – im Gegenteil.

Für mich wird deshalb eine der interessantesten Fragen der Vorbereitung sein, wie schnell LaFontaine diese Umstellung hinbekommt. Dass er grundsätzlich das nötige Niveau mitbringt, zeigen seine Leistungen aus der vergangenen Saison. Aber zwischen einer starken Saison in Nordamerika und einem guten ersten Jahr in der PENNY DEL liegen eben doch ein paar Unterschiede.

Jonas Neffin

Bei Jonas Neffin ist die Ausgangslage für mich etwas einfacher einzuschätzen. Während ich bei LaFontaine erst einmal tief in die Recherche einsteigen musste, kennt man Neffin hierzulande inzwischen ziemlich gut. Der 26-Jährige hat bei den Eisbären Regensburg eine Saison gespielt, mit der er sich eigentlich gar nicht mehr vor der DEL verstecken konnte.

Spieler des Jahres und Torhüter des Jahres in der DEL2 – viel mehr Auszeichnungen kann man sich für eine Saison eigentlich nicht abholen. Neffin war in Regensburg nicht einfach nur ein guter Torhüter, sondern einer der entscheidenden Spieler der gesamten Mannschaft. Genau deshalb war für mich auch relativ schnell klar, dass der nächste Schritt irgendwann kommen musste.

Neffin im Einsatz gegen die Düsseldorfer EG – Foto von Moritz Eden/City-Press GmbH Bildagentur

Jetzt ist es Berlin geworden.

Ich finde, die Eisbären haben sich damit einen ziemlich spannenden Torhüter ins Haus geholt. Neffin ist mit 26 Jahren weder ein Talent, das erst noch beweisen muss, dass es im Profibereich mithalten kann, noch ein Torhüter, der bereits auf dem absteigenden Ast seiner Karriere steht. Er befindet sich ziemlich genau in dem Alter, in dem man als Goalie den nächsten großen Schritt machen kann. Auch Neffin steht dabei für einen ruhigen, positionsorientierten Torwartstil.

Der Unterschied zu LaFontaine liegt dabei auf der Hand: Neffin muss sich nicht erst an das europäische Eis gewöhnen. Er kennt die größeren Eisflächen, das deutsche Eishockey und den Spielrhythmus bereits. Auch die Umstellung von der DEL2 auf die PENNY DEL dürfte für ihn weniger ein komplett neues Umfeld als vielmehr ein deutlich höheres Niveau sein.

Und genau darin liegt gleichzeitig seine große Aufgabe. Die DEL2 ist nicht die PENNY DEL. In Berlin werden die Schüsse härter, die Pässe schneller und die Spieler vor dem Tor unangenehmer. Gerade dort wird sich zeigen, ob Neffin seine starken Leistungen aus Regensburg auch gegen die besten deutschen Angreifer bestätigen kann.

Was ich an der Verpflichtung aber besonders interessant finde: Neffin kommt nicht nach Berlin, um einfach nur die Nummer zwei zu sein.

Wenn du gerade zum DEL2-MVP gewählt wurdest, mehrere Auszeichnungen abgeräumt hast und anschließend zu einem amtierenden Deutschen Meister wechselst, dann hast du wahrscheinlich nicht vor, dich gemütlich auf die Bank zu setzen. Ich gehe deshalb davon aus, dass Neffin LaFontaine von Anfang an ordentlich Druck machen wird.

Und genau damit sind wir bei der wahrscheinlich spannendsten Frage im Berliner Tor angekommen.

Wer bekommt den Start am 1. Spieltag?

Die wahrscheinlich spannendste Personalfrage im Berliner Tor spielt sich zwischen zwei Torhütern ab, die sich auf den ersten Blick stärker ähneln, als man vielleicht denkt.

Sowohl Jack LaFontaine als auch Jonas Neffin stehen für einen eher ruhigen, positionsorientierten Torwartstil. Beide versuchen, Situationen früh zu lesen und durch gutes Stellungsspiel viele gefährliche Aktionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Der Unterschied liegt deshalb weniger in ihrer grundsätzlichen Spielweise, sondern vor allem in ihrer bisherigen Erfahrung und der Ausgangslage vor dieser Saison.

LaFontaine bringt die größere Erfahrung aus nordamerikanischen Profiligen mit und hat für mich aktuell das etwas stärkere Gesamtpaket. Gleichzeitig muss er sich erstmals an das europäische Eis und die PENNY DEL gewöhnen.

Neffin kennt diese Bedingungen bereits und kommt mit enormem Selbstvertrauen aus seiner überragenden DEL2-Saison. Dafür muss er nun beweisen, dass sein Spiel auch auf dem deutlich höheren Niveau der PENNY DEL funktioniert.

Wenn ich mich heute festlegen müsste, würde ich LaFontaine deshalb hauchdünn vorne sehen. Aber gerade weil sich ihre Spielweisen durchaus ähneln, könnte der Konkurrenzkampf besonders interessant werden. Es geht weniger darum, zwei völlig unterschiedliche Torhüter gegeneinander auszuspielen, sondern darum, welcher von beiden sein gemeinsames Grundprofil auf höherem Niveau konstanter umsetzen kann.

Für mich spricht deshalb aktuell mehr für ein echtes 1A/1B-Duo als für eine feststehende Nummer eins.

Und ehrlich gesagt: Genau das wünsche ich mir als Fan.

Ich finde es deutlich spannender, wenn der Trainer nicht schon im August weiß, wer 50 Spiele machen wird. Wenn beide Goalies regelmäßig um ihre Starts kämpfen müssen, kann das über eine lange Hauptrunde ein echter Vorteil werden. Dazu kommt die Möglichkeit, die Belastung zu verteilen und auf Formschwankungen entsprechend zu reagieren.

Für mich ist deshalb weniger die Frage entscheidend, wer am ersten Spieltag startet. Viel interessanter wird sein, wer im Februar oder März noch immer die Nase vorne hat.

Lennart Neiße

Hinter LaFontaine und Neffin steht mit Lennart Neiße ein Torhüter, bei dem es in der kommenden Saison vor allem um eines gehen sollte: spielen, spielen und noch einmal spielen.

Neiße hat in der vergangenen Saison bei den Lausitzer Füchsen bereits 13 DEL2-Partien absolviert und damit wichtige erste Erfahrungen im Profibereich gesammelt. Für einen 19-Jährigen ist das eine gute Grundlage, aber eben auch noch lange nicht das Ende seiner Entwicklung.

Deshalb halte ich seine Rolle als Nummer drei in Berlin aktuell für genau richtig. Natürlich wäre es schön, wenn ein Eigengewächs möglichst nah an der DEL-Mannschaft bleibt und irgendwann selbst um den Starter-Posten kämpft. Dafür braucht Neiße aber vor allem regelmäßige Einsätze und Situationen, in denen er auch einmal über längere Strecken Verantwortung übernehmen muss.

War der Back-Up von Stettmer in der Finalserie gegen die Adler Mannheim: Lennart Neiße – Foto von City-Press GmbH Bildagentur

Weißwasser bietet dafür weiterhin die passende Bühne. Dort kann er sich über viele Spiele hinweg weiterentwickeln, während er in Berlin gleichzeitig mit dem DEL-Team trainiert und im Notfall bereitsteht.

Mit seinen knapp zwei Metern bringt Neiße ohnehin Voraussetzungen mit, die man nicht einfach trainieren kann. Jetzt geht es darum, daraus einen möglichst kompletten Torhüter zu machen. Beinarbeit, Beweglichkeit, Positionierung und vor allem Konstanz werden für seine nächsten Schritte entscheidend sein.

Ich würde deshalb auch nicht erwarten, dass Neiße in dieser Saison plötzlich um die Nummer eins kämpft. Sein Kampf ist ein anderer: möglichst viele Minuten bekommen und zeigen, dass er irgendwann bereit für den nächsten Schritt ist.

Die Berliner Goalie-Hierarchie

Wenn ich die Situation zum jetzigen Zeitpunkt einordnen müsste, sieht meine persönliche Reihenfolge deshalb so aus:

1A – Jack LaFontaine: Für mich der leichte Favorit auf den Saisonstart. Seine starke Saison in Nordamerika, seine Erfahrung und sein Torwartstil sprechen für ihn. Gleichzeitig ist die Umstellung auf das europäische Eis das große Fragezeichen.

1B – Jonas Neffin: Der Herausforderer, der für mich deutlich näher an LaFontaine dran ist, als es die Bezeichnung „1B“ vielleicht vermuten lässt. Als DEL2-MVP kommt er mit viel Selbstvertrauen nach Berlin und kennt die Bedingungen bereits.

3 – Lennart Neiße: Der Perspektivgoalie. Für ihn sollte es vor allem darum gehen, beim Kooperationspartner möglichst viel Spielpraxis zu sammeln, sich weiterzuentwickeln und gleichzeitig in Berlin als Absicherung zur Verfügung zu stehen.

Fazit

Wenn ich auf das Berliner Tor vor der Saison schaue, sehe ich zunächst einmal ziemlich viele Fragezeichen. Und komischerweise gefällt mir genau das.

Nach dem Abgang von Stettmer musste man zwangsläufig damit rechnen, dass die Eisbären einen neuen Starter suchen müssen. Stattdessen haben sie sich für einen etwas anderen Weg entschieden und mit LaFontaine und Neffin zwei Torhüter verpflichtet, bei denen ich aktuell keinen riesigen Qualitätsunterschied sehe.

LaFontaine bringt die spannendere Vita mit, muss sich dafür aber erstmals in Europa beweisen. Neffin hat den weniger spektakulären Lebenslauf, dafür aber gerade eine überragende Saison im deutschen Eishockey hinter sich und kennt die Bedingungen bereits. Beide haben also ihre ganz eigenen Argumente.

Wer am Ende tatsächlich die meisten Spiele bekommt, wird deshalb für mich eine der interessantesten Personalfragen der neuen Saison. Stand heute sehe ich LaFontaine hauchdünn vorne. Aber wenn Neffin seine Regensburger Form mit nach Berlin bringt, würde es mich überhaupt nicht überraschen, wenn sich diese Einschätzung schon nach wenigen Wochen wieder verändert.

Und dann ist da noch Neiße. Der 19-Jährige wird vermutlich nicht viele DEL-Spiele bekommen, hat mit seinen Einsätzen in Weißwasser aber die Chance, den nächsten wichtigen Schritt zu machen.

Unterm Strich gefällt mir das Berliner Tor deshalb ziemlich gut. Nicht, weil schon jetzt feststeht, wer die Nummer eins ist, sondern gerade weil es eben noch nicht feststeht. LaFontaine und Neffin haben beide das Potenzial, sich diesen Platz zu verdienen. Und für die Eisbären kann ein solcher Konkurrenzkampf über eine lange Hauptrunde Gold wert sein.

-Jakob Wegener

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