Tobias Krestan im Transfer-Check: Der nächste Schritt eines NHL-Draftpicks
208 Namen wurden beim NHL Draft 2026 vor Tobias Krestan aufgerufen, keiner davon kam aus Deutschland. Als die Los Angeles Kings den 18-jährigen Stürmer an Position 209 auswählten, war er der einzige deutsche Spieler auf dem Draftboard. Nur wenige Wochen später folgt für den Angreifer die nächste große Herausforderung: der direkte Sprung ins Profi-Eishockey.
Krestan wechselt ohne DEL-Erfahrung aus dem Nachwuchs des schwedischen Traditionsklubs HV71 Jönköping nach Berlin. Bei den Eisbären hat er einen Zweijahresvertrag unterschrieben und geht künftig mit der Rückennummer 91 aufs Eis. Ein gewaltiger Schritt für einen Spieler, der Anfang des Jahres gerade erst volljährig geworden ist.
Ein spätzugezogener NHL-Draftpick ist primär ein Investment in künftiges Potenzial. In Berlin geht es für Krestan nun darum, seine Werkzeuge gegen erwachsene Gegenspieler auf DEL-Niveau zu übertragen.
Eishockey im Blut und früh der Mut zum Neuanfang
Dass Tobias Krestan den Weg auf das Eis finden würde, war vorgezeichnet. Das Talent bekam er von seinem Vater Radek Křestan mit – dieser war selbst jahrelang als Profi in Deutschland aktiv. Bemerkenswert ist allerdings, wie konsequent der Sohn seine sportliche Ausbildung schon in jungen Jahren vorangetrieben hat.
Mit 13 Jahren verließ er seinen Jugendverein EC Bad Nauheim und wechselte an die Red Bull Hockey Academy nach Salzburg. Ein extrem früher Schritt heraus aus dem gewohnten Umfeld. Nach zwei Jahren im akademischen Leistungssport folgte der nächste Wechsel nach Schweden zu HV71 Jönköping.
Neues Land, neue Sprache und eine anspruchsvolle Nachwuchsliga: Krestan suchte gezielt nach Ausbildungsumfeldern mit hoher Leistungsdichte. In Salzburg erarbeitete er sich seine technischen Grundlagen, in Schweden kamen taktische Schulung und eine athletische Entwicklung hinzu. Mit 1,88 Metern Körpergröße und knapp 88 Kilogramm bringt er inzwischen ein starkes Physis-Paket für den Übergang in den Herrenbereich mit.
Rückschlag im wichtigen Juniorenjahr
Die richtungsweisende Saison 2025/26 verlief für den Stürmer jedoch nicht ohne Hindernisse. Beim Hlinka Gretzky Cup zog sich Krestan eine schwere Schulterverletzung zu und verpasste weite Teile der ersten Saisonhälfte. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, da die internationale Scouting-Gemeinde in diesem Jahr ein besonders genaues Auge auf die Jahrgänge wirft.
Nach der Reha arbeitete sich Krestan zurück und fand in der U20 Nationell rasch seinen Rhythmus. Für HV71 sammelte er in 21 Partien noch 18 Scorerpunkte und bewies, dass die Verletzung keine nachhaltigen Spuren hinterlassen hat. Die Belohnung folgte Ende Juni mit der Wahl durch Los Angeles.
Auch die Anekdote zum Draft-Tag passt zu seinem Weg: Krestan erfuhr von der Entscheidung nicht in einer NHL-Arena, sondern im heimischen Garten in Hessen. Nur wenige Stunden nach dem Anruf saß er bereits im Flugzeug nach Kalifornien zum Development Camp der Kings.
Das Spielerprofil: Power Forward mit starkem Release
Dass die Kings Krestan auf dem Zettel hatten, liegt an seinem Profil als klassischer Power Forward. Er nutzt seinen Körper konsequent, um Zweikämpfe an der Bande zu gewinnen und die Scheibe unter Druck abzuschirmen. Seine Athletik hilft ihm dabei, vor dem gegnerischen Gehäuse Präsenz aufzubauen und Abpraller zu verwerten.
Eine seiner größten Waffen ist der Handgelenkschuss. Besonders aus dem Slot bringt Krestan den Puck ohne lange Ausholbewegung mit viel Härte auf das Tor. Auch sein Spiel ohne Scheibe hat Substanz: Statt Situationen erzwingen zu wollen, liest er das Spiel gut, erkennt freie Räume frühzeitig und bietet sich an.
Eine späte Draft-Position bedeutet jedoch nicht, dass ein Spieler sofort einsatzbereit für Nordamerika ist. Franchises setzen hier auf Entwicklung über mehrere Jahre. Genau vor dieser Phase steht Krestan jetzt.
Die Kernbaustelle: Antritt auf den ersten Metern
Bei allen Stärken im physischen und taktischen Bereich gibt es einen klaren Ansatzpunkt in seiner Entwicklung: die Explosivität auf den ersten Metern. Seine Antrittsschnelligkeit gehört aktuell noch nicht zu den Top-Tools in seinem Spiel.
Auf NHL-Niveau stellt ein fehlender erster Schritt eine hohe Hürde dar, weil Räume extrem eng sind und das Tempo Fehler sofort bestraft. Für die PENNY DEL sieht die Ausgangslage etwas entspannter aus.
Krestan muss in Deutschland nicht vom ersten Tag an der schnellste Skater auf dem Eis sein, um Wirkung zu entfalten. Seine Physis, seine Schussqualität und sein Raumverständnis bilden ein solides Fundament. Die Eisbären bieten ihm die Struktur, um gezielt an seiner Schlittschuhtechnik und seiner Antrittsdynamik zu arbeiten, während er bereits wertvolle Minuten im Männereishockey sammelt.
Warum das Berliner Umfeld passt
Der Wechsel nach Berlin fügt sich gut in seine Entwicklungsphase ein. Im eingespielten Kader des Meisters muss ein 18-Jähriger keine Top-Line anführen oder das Spiel allein tragen. Das nimmt spürbar Druck von den Schultern des Talents.
Zudem ist Berlin für Krestan kein Neuland. Durch seine Teilnahme an den Development Camps der Eisbären in den vergangenen zwei Jahren kennt er die Abläufe, die Infrastruktur und Sportdirektor Stéphane Richer bereits bestens. Das erleichtert die Eingewöhnungszeit enorm.
Auch die Synergie mit Los Angeles spielt eine wesentliche Rolle. Für die Kings ist Berlin ein idealer Standort, um ihren Pick im europäischen Profibereich heranreifen zu lassen. Die Eisbären wiederum gewinnen ein physisch starkes deutsches Talent für den U23-Bereich. Der Schritt aus dem Juniorenbereich zu den Profis bringt dennoch eine Lernkurve mit sich – Fehler werden schneller bestraft und die physische Dauerbelastung einer DEL-Saison ist für ein Talent eine völlig neue Erfahrung.
Mein Puckgeflüster-Fazit
Tobias Krestan ist ein Transfer, dessen Ertrag man mit Blick auf die nächsten zwei Jahre bewerten muss. Die Eisbären sichern sich einen physisch robusten, 18-jährigen deutschen Stürmer mit gutem Schuss und Auge für den Raum, der früh den harten Weg über Salzburg und Schweden gewählt hat.
In Berlin muss er beweisen, dass seine Qualitäten auch im Duell gegen erfahrene Profis tragen. Entscheidend wird sein, wie schnell er sich an die DEL-Geschwindigkeit anpasst und an seinen ersten Schritten arbeitet.
Die Eisbären holen hier keinen fertigen Leistungsträger für das Hier und Jetzt, sondern sichern sich vielversprechendes Upside. Ein spannendes Projekt für das Trainerteam – und ein Transfer, dessen wahrer Wert sich erst im Laufe der nächsten Spielzeiten zeigen wird.
Willkommen in Berlin, Tobias.
