Analysen

Die „Traumata“ wegen gehender Spieler

Vielleicht ist die Überschrift etwas überspitzt formuliert – aber thematisch liegt sie gar nicht so weit von der Realität entfernt.

Alle Jahre wieder beginnt quasi schon während der Meisterfeier das große Gedankenkarussell im Kopf. Erste Abgänge deuten sich an, Gerüchte, die vorher verdrängt wurden, rücken plötzlich in den Mittelpunkt. Und wie in jedem Jahr ist das Unverständnis über manche Entscheidungen enorm groß.

Genau da soll dieser Artikel ansetzen.

Felix und ich (Alex) wollen euch nicht nur unsere Meinung zu Verlängerungen, Abgängen und möglichen Neuzugängen näherbringen – wir wollen auch versuchen zu erklären, warum gewisse Entscheidungen getroffen werden und weshalb das manchmal eben auch zu unpopulären Maßnahmen führen kann.

Die Beweggründe für Enttäuschung über Spieler, die den Verein verlassen, sind vielfältig. Mal geht ein Lieblingsspieler, mal der Torjäger vom Dienst, mal der Topscorer, dann wieder ein großes Talent – und leider regelmäßig auch unsere jungen Torhütertalente. Aber eines sollte klar sein: Solche Entscheidungen werden nie leichtfertig von der Geschäftsführung getroffen.

Gerade unser derzeitiges Management hat langfristig bewiesen, meist die richtigen Entscheidungen zu treffen. Fünf Titel in den vergangenen sechs Jahren sprechen dabei eine eindeutige Sprache. Die Verantwortlichen haben sich damit Respekt, Wertschätzung und vor allem Vertrauen erarbeitet – und bestätigen dieses nahezu in jedem noch so komplizierten Transfersommer.

Wobei der Begriff „Transfersommer“ eigentlich irreführend ist: Viele Verträge – insbesondere bei deutschen Spielern – werden häufig bereits rund um die Weihnachtszeit vorbereitet oder abgeschlossen. Kaderplanung ist ein ganzheitliches und vor allem ganzjähriges Projekt. Ein Prozess, der nie stillsteht.

Natürlich kann es bei diesem hochkomplexen Thema auch zu Fehleinschätzungen kommen. Oder man muss spontan auf Verletzungen und sich umentscheidende Spieler reagieren, die ihre Verträge zugunsten besser dotierter Angebote aus stärkeren Ligen wieder auflösen.

Diese „Fehler“ werden nicht nur von uns kritisch angesprochen (#56), sondern intern genauso intensiv aufgearbeitet. Fehler passieren – entscheidend ist, wie darauf reagiert wird.

Wir wollen nun chronologisch einzelne Entscheidungen durchgehen und anhand ausgewählter Beispiele mögliche Beweggründe einordnen.

Eigentlich war geplant, Felix seine Meinungen kursiv hervorzuheben, allerdings hat sich wieder herausgestellt, dass sich unsere Meinungen wie meistens nicht voneinander unterscheiden. Also wurde darauf verzichtet. 🤭


Der gehende Headcoach

Beginnen wir mit dem wohl emotionalsten Abgang: Serge Aubin verlässt die Eisbären-Organisation nach sieben mehr als erfolgreichen Jahren.

In dieser Zeit gewann er alle 15 Playoff-Serien mit den Eisbären. Sein Verdienst lässt sich kaum hoch genug einschätzen und eigentlich nur schwer in Worte fassen. Felix hat das in seiner Hommage bereits hervorragend versucht – wer sie noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt nachholen.

Trotzdem sehe ich persönlich dadurch nicht automatisch die Gefahr, dass wir in den kommenden Jahren weniger erfolgreich sein werden.

Anders als nach der Ära Jackson besteht die Mannschaft aus einem intakten Gefüge und verfügt über Spieler im besten Eishockeyalter. Zudem ist das Umfeld inzwischen so stabil und gewachsen, dass es einem neuen Trainer durchaus leichtfallen dürfte, sich in diese Strukturen einzufügen.

Die größere Frage ist vielmehr: Wer übernimmt diesen Job?

Der Kader ist klar auf „Eisbären-Hockey“ ausgelegt. Es braucht also einen Trainer, der dieses System ähnlich verkörpern kann wie Serge Aubin. Laut Stephane Richer stehen aktuell noch wenige Interviews aus – in den kommenden vier Wochen dürfte es hier eine Entscheidung geben.

Aubins Abgang ist ein klassisches Beispiel dafür, wie langfristige Planungen plötzlich neu gedacht werden müssen. Eigentlich wollte man mit ihm noch drei weitere Jahre lang weitermachen.

Somit entwickelt sich ein besonders spannender Transfer… ok sagen wir es…. Sommer.


Die Torhüter

Auf Spielerseite erleben wir hier den größten Umbruch.

Mit Jonas Stettmer und Jake Hildebrand verlässt uns ein Duo, das großen Anteil an den letzten drei Meisterschaften hatte – ein perfektes Beispiel für die starke Transferpolitik der Ära Richer. Was wurden beide anfangs kritisch gesehen. Gerade Jake musste sich viel anhören – leider ein Spiegel unserer heutigen Schnelllebigkeit. Besonders laut war dabei nicht selten die Bild-Zeitung.

Heute hat sich dieses Bild komplett gewandelt. Inzwischen schmerzt ihr Abschied spürbar – und besonders bei Jonas Stettmer können wir das absolut nachvollziehen. Bei Jake dürfte es am Ende eine Mischung aus fehlender Konstanz, wachsender Verletzungsanfälligkeit und natürlich dem steigenden Alter gewesen sein, die zu der Entscheidung geführt hat, auf dieser Position frischen Wind hereinzubringen.

Bei Jonas Stettmer ist die Situation deutlich komplexer. Ein klassisches Beispiel dafür, dass intern viele Dinge passieren, die selbst wir als gut informierter Blog nur erahnen können. Wir erhalten regelmäßig Informationen – vieles davon bewegt sich allerdings im Bereich der Spekulation. Und da haben wir einen klaren Standpunkt: Alles, was wir nicht final verifizieren können, tragen wir auch nicht in die Öffentlichkeit.

So viel kann man sagen: Jonas’ Abgang war mit Sicherheit nicht gewollt. Aber manchmal gibt es Umstände, die Entscheidungen erzwingen. Wir wünschen Jonas in Ingolstadt auf jeden Fall alles Gute. Wer weiß – man sieht sich bekanntlich immer zweimal im Leben.

Mit Jonas Neffin hat man im Gegenzug nicht nur einen Vornamensvetter verpflichtet, sondern gleichzeitig den Torhüter und Spieler der vergangenen DEL2-Saison. Über ihn hört man nahezu ausschließlich Positives. Mit 25 Jahren bringt er bereits einiges an Erfahrung mit – auch wenn ihm auf DEL-Niveau natürlich noch größere Spielpraxis fehlt. Aber gerade mit solchen Spielern haben wir zuletzt sehr gute Erfahrungen gemacht.

Eine ausländische Nummer eins wird aktuell weiterhin gesucht. Zuletzt fielen in diesem Zusammenhang unter anderem die Namen Olivier Rodrigue (25) sowie Adam Reideborn (34) vom SC Bern. Auch hier scheint zeitnah eine Entscheidung zu fallen.

Die spannende Frage lautet: Traut man Neffin perspektivisch zu, die Nummer eins zu werden? Der geschlossene Ein-Jahres-Vertrag mit ihm spricht erstmal dafür, dass man die weitere Entwicklung abwarten möchte.

Falls ja, wäre ein erfahrener älterer Goalie als Partner sinnvoll. Alternativ könnte man auf ein echtes 50:50-Duo setzen. Auch hier bleibt also weiter viel Spannung.


Die Defensivabteilung

Ein Mannschaftsteil, in dem sich vermutlich eher wenig verändern wird.

Mit Eric Mik wurde früh eine wichtige und richtungsweisende Personalentscheidung getroffen. Eric entwickelt sich immer stärker vom flexibel einsetzbaren Spieler zu einem echten Leistungsträger – mit unterschiedlichsten Qualitäten auf dem Eis und enormer Bedeutung für die Kabine.

Norwin Panocha verlässt die Eisbären Richtung Iserlohn. Hier hat sich letztlich gezeigt, dass das Potenzial für den deutschen Meister auf Dauer wohl nicht ganz ausgereicht hat. Zudem sind wir im deutschen Defensivbereich schlicht zu stark besetzt. Bereits in der vergangenen Saison blieb für ihn trotz Verletzungssorgen nur wenig Eiszeit.

Das liegt auch am kometenhaften Aufstieg von Moritz Kretzschmar. Ein Riesentalent – das zusätzlich schon eine bemerkenswerte spielerische Reife mitbringt. Wir wünschen uns hier kommende Saison definitiv noch mehr Einsatzzeit.

Natürlich schmerzt auch der Abschied von Les Lancaster. Vermutlich wurde hier früh – noch vor seiner spielerisch herausragenden Phase – ein Vertrag in Wolfsburg geschlossen. Zudem stehen aktuell weiterhin drei Importverteidiger unter Vertrag, sodass eine Verlängerung aus heutiger Sicht schwierig geworden wäre.

Auch wenn sich weiterhin hartnäckig das Gerücht hält, Markus Niemeläinens Vertrag könnte noch aufgelöst werden. Das ist dann durchaus ein Beispiel für eine Fehlentscheidung in der Kaderplanung gewesen – und das darf man auch offen so benennen.

Mit einem weiteren jungen lizenzierten Verteidiger hätte man selbst ohne den Finnen bereits acht Verteidiger zur Verfügung. Damit könnte man gut in die Saison starten – und im Zweifel während der Saison noch flexibel eine Importlizenz einsetzen.

Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass mit Korbinian Geibel ein Spieler zurückkehrt, der nach einer schwierigen Verletzungssaison sicher darauf brennen wird, wieder anzugreifen.

Kleines Fazit:

In der Defensive sind wir mehr als solide aufgestellt. Mit Müller, Wissmann, Geibel, Mik und Kretzschmar ist der deutsche Sektor hervorragend besetzt. Smith und Reinke haben zum Saisonende gezeigt, dass sie in ihren Rollen sehr wertvolle Importspieler sein können. Etwas mehr Konstanz wäre wünschenswert – allerdings setzt das auch voraus, endlich verletzungsfreier durch eine Saison zu kommen.


Die Offensivmonster

Im Sturm beginnen wir mit den positiven Nachrichten:

Die Verträge von Veilleux, Bergmann, Hördler, Kirk und Khodorenko wurden verlängert. Vor allem Bergmann hat uns etwas überrascht, da immer wieder über einen Wechsel nach Iserlohn spekuliert wurde. In Playoff-Form ist Bergmann jedoch eine absolute Waffe – und deutsche Spieler in diesem Alter sind extrem wertvoll. Etwas mehr Konstanz wäre wünschenswert, wobei sein Ausfall bis Dezember natürlich schmerzt.

Über Kirks Verlängerung müssen wir eigentlich nicht viel sagen. Das ist die Königsverlängerung – ähnlich wie bei Ronning im vergangenen Jahr. Natürlich besteht theoretisch weiterhin die Möglichkeit eines NHL-Vertrags. Bei der WM konnte er im britischen Trikot mir nur zwei Punkten in sieben Spielen und mehreren verschuldeten Gegentoren allerdings eher keine Werbung für ein Engagement in Nordamerika machen. Aber wenn es doch noch dazu kommen sollte, wäre ihm das absolut zu gönnen.

Die Bedeutung von Yannick Veilleux für das Mannschaftsgefüge ist ohnehin unbestritten. Körperlich wie spielerisch kann er jederzeit den Unterschied machen. Auch emotional war seine Verlängerung nach dieser Saison nahezu alternativlos.

Ganz besonders gefreut haben wir uns über die Verlängerung von Eric Hördler. Er musste in der vergangenen Saison besonders unter der allgemeinen Verletzungssituation leiden – nicht, weil er selbst verletzt war, sondern weil er dadurch nie wirklich eine konstante Rolle finden konnte. Erst gegen Ende konnte er sein Potenzial – insbesondere in der Reihe mit Wiederer und Lancaster – voll entfalten. Wir werden an ihm noch viel Freude haben.

Dann bleibt noch Patrick Khodorenko. Zwar konnte er bislang nur vier Spiele für unsere Eisbären absolvieren – aber bereits in dieser kurzen Zeit war deutlich zu sehen, über welch außergewöhnlichen Hockey-IQ er verfügt. Hier könnte noch einiges entstehen, vor als prädestinierter Vorlagengeber für Torjäger wie Ronning oder Kirk – auch wenn eine lange Verletzung natürlich immer Risiken birgt.

Natürlich gab es auch viele Abgänge. Mit Marcel Noebels (Köln), Blaine Byron (Ziel unbekannt), Jean-Sébastien Dea (vermutlich Karriereende) und Lennard Nieleck (Mannheim) verlassen vier Stürmer die Eisbären. Vor allem die Abschiede von Noebels und Byron gingen vielen Fans sichtbar nahe.

Sportdirektor Stephane Richer brachte es passend auf den Punkt:

„Harte Entscheidungen gehören in diesem Geschäft nun einmal dazu.“

Perspektivisch betrachtet könnten sich insbesondere die Abgänge des inzwischen 34-jährigen Noebels sowie des äußerst verletzungsanfälligen Byron dennoch als nachvollziehbar und richtig erweisen.Unabhängig davon danken wir beiden ausdrücklich für ihre großartigen Leistungen in den vergangenen Jahren.


Auch im Sturm brodelt die Gerüchteküche weiter.

Ein Name taucht dabei immer wieder auf: Gabriel Fontaine (29). Laut verschiedenen Quellen – unter anderem der Eishockey News und der BILD – beschäftigen sich die Eisbären mit einer möglichen Rückkehr Fontaines. Er hatte vor einem Jahr eine Vertragsverlängerung in Berlin abgelehnt und war nach München gewechselt. Dort wurde er bislang nicht glücklich und verbrachte die Playoffs teilweise als überzähliger Spieler auf der Tribüne. Zwar steht Fontaine in München noch ein Jahr unter Vertrag – laut BILD soll in Berlin allerdings bereits ein neuer Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben worden sein.

Ebenfalls regelmäßig mit den Eisbären in Verbindung gebracht wird Brett Murray (27) aus Nürnberg. Mit 1,91 m und 102 kg bringt er alles mit, was man sich von einem klassischen Power Forward wünscht. Seine Stärken liegen vor allem vor dem Tor. 33 Punkte in 38 Spielen sprechen hier ebenfalls für sich.

Auch die Rückkehr der beiden Top-Talente Elias Schneider (18) und Maxim Schäfer (19) wird immer wieder genannt. Beide haben ein starkes Jahr in Nordamerika hinter sich. Schäfer gewann in der QMJHL sogar die Meisterschaft. In Anbetracht der überzeugenden Leistungen der beiden ist natürlich auch ein Verbleib eines oder beider Stürmer in Nordamerika eine Möglichkeit.

Für den U23-Bereich wären beide natürlich enorme Verstärkungen – insbesondere, weil dieser Bereich in der vergangenen Saison durchaus eine Baustelle war.


Finales Fazit

Sollten sich alle Gerüchte bestätigen – inklusive einer möglichen Vertragsauflösung von Niemeläinen – hätten die Eisbären drei Torhüter, acht Verteidiger und 15 Stürmer unter Vertrag.

Dabei wären neun Ausländerlizenzen vergeben – exakt die Anzahl, die pro Spiel eingesetzt werden dürfte. Es blieben also weiterhin zwei Reserve-Verpflichtungen möglich. Auf dem Papier wäre dieser Kader vor allem im Sturm noch einmal deutlich ausgewogener – und spielerisch womöglich sogar stärker als zuletzt.

Es bleibt also ein spannender Transfersommer.

Und wir halten euch natürlich wie gewohnt auf dem Laufenden. Genießt natürlich auch die eishockeyfreie Zeit und widmet euch den Dingen, für die ihr während der Saison eher wenig Zeit hattet.

📸: City-press GmbH

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