RegelRickSchiri Kolumne

Schiri-Rückblick: September 26

Eine neue Saison hält auch in unserem Blog einige Neuerungen bereit. Ab sofort wird es von Regelrick einen monatlichen Rückblick auf die PENNY DEL aus Sicht der Schiedsrichter geben. Dabei lasse ich mein Faible für Statistiken einfließen, aber auch regeltechnische Besonderheiten oder Inhalte des Regelbuchs im Allgemeinen werden beleuchtet.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Euer Feedback.

Der September ist im deutschen Eishockey traditionell der Monat, in dem die Saison beginnt. Ein Neustart nach der langen Sommerpause bietet sowohl für Spieler und Trainer, aber natürlich auch für das dritte Team auf dem Eis, einiges an Spannung sowie Herausforderungen. Auch wenn erst vier volle Spieltage absolviert sind, sowie ein vorverlegtes Spiel stattfand, blicke ich heute auf den Monat September aus Sicht der Schiedsrichter zurück.

Pfiff in Zahlen

Insgesamt fanden in der PENNY DEL 29 Saisonspiele und damit weniger als 10% der Hauptrunde statt. Dabei sprachen die Hauptschiedsrichter 608 Strafminuten aus, was einem Schnitt von 20,97 Minuten pro Spiel entspricht. Damit liegt der Wert deutlich höher als der Gesamtdurchschnitt der letztjährigen Hauptrunde, der 18,71 betrug. Zu Saisonbeginn ist es jedoch häufig so, dass die Schiedsrichter eine kleinlichere Linie an den Tag legen. Es wird spannend zu sehen sein, ob sich diese Entwicklung in den Folgemonaten fortsetzt.

Eine weitere spannende Tatsache des ersten Saisonmonats ist, dass bereits fünf Penaltyschüsse (2x Beinstellen, Haken, Halten, Behinderung) ausgesprochen wurden und bei den ersten dreien war André Schrader als Hauptschiedsrichter beteiligt. In der letztjährigen Hauptrunde waren es insgesamt nur 24 Penaltyschüsse, die verhängt wurden. Auch hier bleibt abzuwarten, ob sich der Trend fortsetzt.

Der Profi-Schiedsrichter Andris Ansons aus Lettland stand bereits bei sechs Hauptrundenspielen auf dem Eis und ist damit der Spitzenreiter gefolgt vom ungarischen Hauptschiedsrichter Zsombor Palkövi sowie André Schrader mit jeweils fünf Einsätzen. Insgesamt wurden bereits 21 Refs in der DEL eingesetzt. Somit hat bereits ein Großteil des vor der Saison bekanntgegebenen Kaders Spiele geleitet.

Das Gespann mit den meisten gemeinsamen Einsätzen bestand aus den Hauptschiedsrichtern Martin Frano und Zsombor Palkövi, die bereits bei drei Spielen gemeinsam auf dem Eis standen. Dabei sprachen sie 46 Strafminuten, also 15,33 im Schnitt pro Spiel, aus. Alle anderen Pärchen auf dem Eis hatten nur einen gemeinsamen Einsatz.

Das Spiel mit den meisten Strafminuten fand am 3. Spieltag in Straubing statt. Dort war Ingolstadt zu Gast und die Hauptschiedsrichter Hribik und Palkövi mussten insgesamt 57 Strafminuten aussprechen. Unter anderem gab es zwei Faustkämpfe, sowie eine Große Strafe und eine Spieldauerdisziplinarstrafe.

Die wenigsten Strafminuten gab es bei zwei verschiedenen Partien, in denen in Summe jeweils nur drei Kleine Strafen ausgesprochen wurden.

Die Strafe, die am meisten geahndet wurde, war das Beinstellen. 53 Kleine Strafen sowie zwei Penaltyschüsse gab es für dieses Vergehen. Der Stockschlag folgt auf dem 2. Rang mit 32 Kleinen Strafen, gefolgt vom Haken mit 26 Kleinen Strafen sowie einem Penaltyschuss.

Auch Große Strafen gab es bereits reichlich. Neben fünf Faustkämpfen, bestraften die Hauptschiedsrichter einmal einen Stockcheck sowie einen Kniecheck mit einer Großen Strafe plus Spieldauerdisziplinarstrafe. Dazu gab es für einen Bandencheck sowie eine Behinderung ausschließlich eine Große Strafe. 

Regel des Monats

Beim Spiel zwischen Straubing und Ingolstadt, das ich oben bereits erwähnt habe, gab es ebenfalls eine Spieldauerdisziplinarstrafe, die nicht direkt aus einem Vergehen resultierte. Wie diese zu Stande kam, lest ihr nun in der Rubrik der „Regel des Monats.“

Heute soll es um die Regel 20.4. im IIHF-Regelbuch gehen – der automatischen Spieldauerdisziplinarstrafe.

Kenny Agostino, Spieler des ERC Ingolstadt, erhielt eine Große Strafe für eine Behinderung am Gegenspieler und lieferte sich anschließend einen Faustkampf, was zu einer erneuten Sanktion mit einer Großen Strafe führte. Zunächst waren ausschließlich diese beiden Strafen im Ticker in der PENNY DEL App eingetragen und erst später kam die Spieldauer „ohne Grund“ hinzu. Doch warum war das so?

In oben besagter Regel heißt es: „Eine automatische Spieldauerdisziplinarstrafe wird gegen jeden Spieler verhängt, der eine zweite Große Strafe oder eine zweite Disziplinarstrafe im selben Spiel erhalten hat.“

Bedeutet also, dass Agostino nur aufgrund der Tatsache, dass er zwei Große Strafen erhalten hat, eine Spieldauer zusätzlich aufgebrummt bekommen hat. Wichtig ist, dass dies für jede Art von Vergehen zutrifft. Es muss also kein Foul gefolgt von einem Faustkampf sein. Des Weiteren müssen beide Strafen auch nicht zur selben Spielzeit ausgesprochen werden, sondern können über das Spiel verteilt stattfinden.

Gleiches gilt für Disziplinarstrafen, also sogenannte 10er Strafen, die jedoch im heutigen Regelbuch nur noch sehr selten vorkommen. Trotzdem folgt nun ein kleines Beispiel für euch. Ein Spieler ist mit einer Entscheidung der Hauptschiedsrichter unzufrieden und tut seinen Unmut lautstark kund. Dafür wird er mit einer Disziplinarstrafe bestraft. Später im Spiel passiert exakt dieses Szenario erneut und die Schiedsrichter sprechen eine weitere Disziplinarstrafe aus, die jedoch direkt automatisch in eine Spieldauerdisziplinarstrafe umgewandelt wird. 

Call des Monats

Abschließend blicke ich in der Kategorie „Call des Monats“ auf einzelne Szenen oder ganze Spiele, die Entscheidungen mit sich brachten, über die viel diskutiert wurde und beleuchte diese und teile meine Einschätzungen zu den Entscheidungen der Refs.

Heute betrifft der „Call des Monats“ das Spiel vom 1. Spieltag zwischen den Nürnberg Ice Tigers und den Augsburger Panthern, in dem es zwei Szenen gab, die im Nachgang heftig und emotional diskutiert wurden.


Beginnen wir zunächst mit den Fakten. Für diese Partie waren die Hauptschiedsrichter Jan Hribik, der sein Debüt in der PENNY DEL feierte, und Daniel Todam, der sein insgesamt erst 10. Spiel in der Liga absolvierte, angesetzt. 

In der 50. Spielminute befindet sich Augsburg im Nürnberger Defensivdrittel. Einen Schuss vom linken Bullykreis kann Niklas Treutle im Tor der Franken parieren, jedoch liegt der Puck hinter ihm zwischen seinen Beinen. Die Scheibe ist also frei spielbar, was Philipp Krauß nutzt, und das Tor erzielt. Hauptschiedsrichter Todam steht in einer guten Position, sieht den Puck offenbar nicht mehr und pfeift, im Video deutlich hörbar, vor dem Überschreiten des Pucks über die Torlinie ab. Trotzdem zeigt er danach zunächst mit seinem Arm auf das Tor und signalisiert damit ein aus seiner Sicht korrekt erzieltes Tor. Nach Besprechung aller Schiedsrichter auf dem Eis wird die On-Ice-Entscheidung auf „kein Tor“ korrigiert. Diese Entscheidung wird nach dem Videobeweis bestätigt.

Im Nachgang des Spiels habe ich in den Sozialen Medien häufig gelesen, dass die On-Ice-Entscheidung ja „Tor“ gewesen sei und man das ja nicht so einfach ändern könne. Deswegen möchte ich dazu gern noch mal Stellung beziehen, obwohl dieses Thema in den Regelblogs schon häufiger angeschnitten wurde. Das Zeichen, das der Hauptschiedsrichter auf dem Eis macht, ist nicht die finale Entscheidung, die getroffen wurde. Es steht ein Gespann von vier Schiedsrichtern auf der Eisfläche, die alle ihre Meinungen und Ansichten einbringen können. Erst nach einem gemeinsamen Gespräch entscheidet man sich dann für die finale On-Ice-Entscheidung, die per Video überprüft werden kann.

Die Entscheidung, die die Schiedsrichter hier getroffen haben, ist insofern korrekt, dass das Spiel mit dem Pfiff bereits unterbrochen war und somit die Erzielung des nachfolgenden Tores nichtig ist, da es sich um einen Nachschuss handelte und nicht um den ersten Schuss, den Treutle parieren konnte. Natürlich war der Puck nach Treutles Parade weiterhin frei spielbar und der Pfiff zur Unterbrechung der Partie erfolgte schlichtweg zu früh, wodurch Augsburg um den Ausgleich gebracht wurde.

Nur knapp drei Minuten später befand sich Nürnberg im Angriff. Nikolaus Heigl legte den Puck im Slot quer auf seinen Bruder Thomas Heigl, der die Scheibe deutlich sichtbar mit dem Schlittschuh ins Tor befördern konnte. Hauptschiedsrichter Hribik, der sich hinter dem Tor befindet, ist sich sicher und zeigt ein reguläres Tor an. Diese Entscheidung wurde ebenfalls per Videobeweis bestätigt.
Diese Szene ist aus meiner Sicht deutlich schwieriger zu bewerten. IIHF-Regel 49 beschäftigt sich mit dem „Kicking“ und in Unterpunkt 2 geht es explizit um Tore. Dort heißt es frei übersetzt: „Ein Tor zählt nicht, wenn ein angreifender Spieler den Puck mit einer bewussten Kickbewegung mit seinem Schlittschuh oder Fuß über die Torlinie befördert.“

Eine bewusste Kickbewegung ist natürlich schwer zu definieren, weil man dem Angreifer eine gewisse Absicht unterstellen muss. Als Erkennungsmerkmal für ebendiese Kickbewegung beschreibt man in der Praxis eine Pendelbewegung des Schlittschuhs, bei der die Kufe oft auch das Eis verlässt.

Schauen wir uns die Szene noch mal genauer an. Heigl bekommt den Pass seines Bruders nicht auf den Schläger, sondern etwas ungenau zugespielt. Der erste Kontakt des Pucks ist am rechten Schlittschuh, wodurch die Scheibe in Richtung Tor abgefälscht wird. Wäre dies die letzte Berührung des Stürmers mit dem Spielgerät gewesen, wäre die Sache eindeutig. Jedoch zieht der Nürnberger seinen linken Schlittschuh nach und gibt dem Puck damit einen zusätzlichen Push, wodurch er die Torlinie überquert.

Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei um eine Szene im Graubereich. Eine klassische Kickbewegung nach Definition ist es nicht, da eben keine Pendelbewegung zu erkennen ist. Jedoch ist auch deutlich zu sehen, dass Heigl den Schlittschuh bewusst in diese Position bringt und aktiv einsetzt, um die Scheibe zu spielen. Da die On-Ice-Entscheidung ein reguläres Tor war und die Szene aus meiner Sicht nicht eindeutig ist, war eine Änderung der Entscheidung nach Überprüfung per Video nicht möglich. Dementsprechend würde ich auch hier von einer korrekten Regelauslegung sprechen. Genau das gleiche würde ich aber auch schreiben, wenn die Hauptschiedsrichter auf dem Eis auf „kein Tor“ entschieden hätten. Aus Sicht der Augsburger sind beide Situationen auf jeden Fall unglücklich gelaufen und der anschließende Unmut ist bis zu einem gewissen Maß auch verständlich.

Diese Szene zeigt wieder einmal deutlich, dass das Regelwerk im Eishockey extrem komplex ist und viele Dinge miteinander verknüpft sind. Der Videobeweis ist vor allem in diesem schnellen Sport eine enorm wichtige Einrichtung, die den Schiedsrichtern das Leben deutlich erleichtert, jedoch nicht alle Szenen zu 100% auflösen oder klären kann.

Nächsten Monat lesen wir uns wieder! Es werden deutlich mehr Spiele gespielt werden und vielleicht gibt es auch mehr zu diskutieren. Seid gespannt und bis dahin. 🙏

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