Spielbericht: Wolfsburg vs. Eisbären
In diesem Spielbericht möchte ich euch ein wenig mit auf meine Reise nach Wolfsburg nehmen. Vorweg: Es handelt sich um sehr persönliche Eindrücke, weshalb dieser Bericht bewusst individueller ausfällt als sonst. Andere Anwesende werden das Spiel sicherlich teils anders wahrgenommen haben – allein schon abhängig vom eigenen Standort in der Halle. Wie man in diversen Facebook-Beiträgen lesen konnte, wurde die Gastfreundschaft im offiziellen Gästebereich erneut als eher speziell empfunden. Dazu kann und werde ich hier jedoch nichts weiter sagen, da ich durch meinen Sitzplatz direkt hinter der Spielerbank der Eisbären davon nichts mitbekommen habe. In diesem Sinne: Lasst uns diesen etwas anderen Spielbericht beginnen.
Seit geraumer Zeit reise ich bevorzugt mit der Bahn zu Auswärtsspielen. Nicht nur, dass es den Eisbären in den letzten Jahren offenbar Glück gebracht hat – es ist schlicht eine angenehme Art zu reisen, die zur Überraschung vieler meist störungsfrei verläuft. Die Fahrt nach Wolfsburg ist dabei eine ganz besondere: Kaum hat man es sich im ICE gemütlich gemacht, darf man sich auch schon wieder auf das Aussteigen vorbereiten. Etwas mehr als eine Stunde dauert die Fahrt vom Berliner Hauptbahnhof. Wolfsburg selbst ist nun wahrlich keine Schönheit, doch selbst bei einer Ankunft um 11 Uhr finden sich ausreichend Einkehrmöglichkeiten. Alternativ bietet sich ein entspannter Spaziergang entlang des Mittellandkanals auf hervorragend ausgebauten Wegen an.
Nicht nur in der Halle fühlt es sich fast wie ein Heimspiel an – auch der Weg dorthin ist durch die zahlreichen Besuche der vergangenen Jahre vertraut. Von „heimisch“ möchte ich dennoch nicht sprechen. Allerdings hat sich die Gastfreundschaft in Wolfsburg über die Jahre durchaus verändert, sodass man die kritischen Stimmen der letzten Zeit – insbesondere von stehenden Gästefans – durchaus nachvollziehen kann. Der Zugang zum Fanbereich vor dem Haupteingang, inklusive Bierständen und der „B’moovd Sportsbar & Bowling“, ist inzwischen ausschließlich Inhabern von Tickets für die „heimischen“ Fanblöcke gestattet. Als Auswärtsfan fühlt sich das mindestens befremdlich an. Stehende Gästefans werden umgehend zu einem separaten Eingang am hinteren rechten Hallenende umgeleitet.
Diese strikte Trennung habe ich bereits bei meinem letzten Besuch in der vergangenen Saison gespürt, als mir nahegelegt wurde, aus „Sicherheitsgründen“ nicht den Bereich unter der Wolfsburger Fankurve aufzusuchen – selbst für den Gang zur Toilette. Ich habe mich dennoch dieser Gefahr ausgesetzt und es mit Mühe und größter Anstrengung wieder zurück auf meinen Platz geschafft. Bis heute bin ich von diesem Erlebnis traumatisiert.
(Dieser Absatz kann Spuren von Ironie enthalten 🙈)
Natürlich ist rein gar nichts passiert – und derartige Situationen kenne ich aus anderen Arenen schlicht nicht. Kommen wir nun aber langsam zum sportlichen Teil dieses Berichtes.
Die Plätze direkt hinter der Spielerbank der Eisbären eröffneten eine Vielzahl an Beobachtungsmöglichkeiten. Es ist kaum in Worte zu fassen, welche Bandbreite an Emotionen, Reaktionen und Interaktionen man dort wahrnehmen kann. Und genau hier entwickelte sich auch eine andere Form der Empathie. Viele haben den Auftritt am Sonntagnachmittag völlig zurecht kritisiert. Wenn man jedoch permanent die enttäuschten Reaktionen der Spieler sieht, die nach einem misslungenen Wechsel zur Bank zurückkehren, entsteht zwangsläufig ein differenzierterer Eindruck. Ich hoffe, ihr versteht, was ich damit ausdrücken möchte.
Von Beginn an war deutlich zu spüren, dass die Wolfsburger extrem giftig aus der Kabine gekommen waren. In jedem Zweikampf wurde das sichtbar. Die Eisbären standen permanent unter Druck und fanden nur selten die Möglichkeit, ihre Angriffe ruhig aufzubauen. Dennoch gelang es insbesondere dem wiedervereinten Duo Wissmann/Müller, einige gute Offensivaktionen einzuleiten. In allen Zonen aber hielten die Grizzlys das Tempo hoch. Die neutrale Zone war eng, im eigenen Drittel ließ man den Eisbären kaum Luft zum Atmen.
Leider bekam Blaine Byron diese Härte besonders zu spüren und musste mit schmerzverzerrtem Gesicht das Eis verlassen – für den gesamten Abend. Im Mitteldrittel wurden bereits Krücken gereicht. Das sieht leider nach einem längeren Ausfall aus. Passend zur Saison.
In der Folge war ein klarer Knick im Spiel der Eisbären zu erkennen, den die Wolfsburger konsequent ausnutzten. Nach einem aggressiven Forecheck eroberte man den Puck im gegnerischen Drittel und erzielte das 1:0 – eine reine Willensleistung. Die Eisbären kehrten in dieser Phase häufig konsterniert zur Bank zurück. Besonders auffällig: Serge Aubin suchte immer wieder den Kontakt zu Kai Wissmann, holte sich nach dessen Wechseln gezielt Feedback ein. Ansonsten war das Coaching im ersten Drittel bewusst ruhig und beobachtend – das sollte sich später ändern.
Mit zunehmender Spieldauer entwickelte sich ein ausgeglicheneres Spiel. Die Wolfsburger blieben konsequent, wussten aber auch, dass sie dieses hohe Intensitätsniveau nicht über 60 Minuten würden halten können. Die Eisbären kamen nun besser ins Spiel, ohne jedoch ihre zuletzt gezeigte Dominanz zu entfalten. Die Gastgeber waren hervorragend eingestellt.
Der zweite Treffer für Wolfsburg fiel dann dennoch etwas aus dem Nichts. Nach einem verlorenen Bully in der eigenen Zone stimmten die Zuordnungen nicht, Gaudet konnte ungehindert in den Slot ziehen und eiskalt in den Winkel abschließen – schlicht zu billig. Hoffnung keimte jedoch schnell wieder auf, als Ty Ronning im direkten Gegenzug den Anschlusstreffer erzielte. Kurz darauf traf Eric Hördler noch den Pfosten – es war die beste Phase der Eisbären.
Der Start ins zweite Drittel war dann tatsächlich herausragend. Vieles von dem, was man sich vorgenommen hatte, wurde umgesetzt. Schnell gelang durch die aktuelle „Paradereihe“ der Ausgleich. Kai Wissmann traf bei seinem Comeback – die perfekte Geschichte schien geschrieben. Doch die Wolfsburger schalteten sofort wieder in den aggressiven Modus der Anfangsphase zurück. Die Eisbären wurden über Minuten im eigenen Drittel eingeschnürt, kehrten erschöpft zur Bank zurück, überstanden diese Phase aber zunächst ohne Gegentor.
Gerade als man selbst wieder Fuß in der Offensive fassen wollte, lief die vierte Reihe nach einem eigenen Offensivbully in einen Konter, den die Gastgeber eiskalt ausspielten. Vermeidbar – aber angesichts der Drangphasen nicht unverdient. Die sichtlich geknickten Spieler dieser Formation bei ihrer Rückkehr zur Bank führten erneut zu jener Empathie, die man aus größerer Distanz schlicht nicht entwickelt.
Von weiter oben sieht man meist nur den Fehler und das Gegentor – und sucht sofort Schuldige. Wer jedoch in die Gesichter der Spieler blickt, erkennt, dass ihnen ihre Fehler sehr bewusst sind. Es sind Menschen, keine Maschinen. Fehler gehören dazu. Selbstreflexion ist schwierig – aber diese Spieler haben sie gezeigt und im Anschluss wieder solide gewechselt.
Wenig später fiel dennoch der vorentscheidende vierte Gegentreffer. Sinngemäß für den gesamten Nachmittag: Die Wolfsburger wollten diesen Sieg mehr – oder waren zumindest präsenter und galliger. Justin Feser traf Hildebrand von hinter dem Tor an die Schoner, die Grizzlys waren einfach wacher. Dass es in diesem Drittel bei zwei Gegentoren blieb, war fast schon glücklich.
Im letzten Drittel versuchten die Eisbären noch einmal alles, doch Wolfsburg verteidigte clever. Der Forecheck wurde reduziert, die neutrale Zone verdichtet – mit Erfolg. Klare Chancen blieben Mangelware. Hinzu kamen zwei Schreckmomente: Liam Kirk wurde von einem Schlagschuss am Ellenbogen getroffen, kehrte glücklicherweise zurück. Yannick Veilleux musste einen Treffer im Fußbereich auslaufen, blieb aber ebenfalls im Spiel.
Unterm Strich bleibt ein ernüchternder Abend. Wieder kein dritter Sieg in Folge. Und dennoch bleibt bei mir eine gewisse emotionale Milde. Dieses Spiel hat mich erneut daran erinnert, dass wir es mit Menschen zu tun haben – nicht mit Maschinen. Es ist eine schwere Saison. Für uns Fans. Für die Spieler noch viel mehr.
Nun gilt es, in den letzten drei Spielen vor der Olympiapause so viele Punkte wie möglich zu sammeln und danach mit neuem Elan anzugreifen. Dann beginnt im Grunde eine neue Saison.
Wir melden uns in den kommenden Tagen wie gewohnt mit dem Vorbericht auf die nächsten Spiele. Am Freitag sehen wir uns endlich wieder in der heimischen Arena. Bis dahin eine angenehme Arbeitswoche – und bleibt selbstreflektiert. 🙏
📸: City-press GmbH
